(10. September 2009)
JĂŒrgen Trittin (BĂŒndnis 90/Die GrĂŒnen) gestern wörtlich im Bundestag (2) Richtung Bundesverteidigungsminister Franz Jung (CDU) :
„Wie sind Sie vorgegangen? Sie haben als Erstes die Unwahrheit gesagt. Sie haben behauptet, das Ganze habe sich in 40 Minuten abgespielt. Die Wahrheit ist: Es hat sechs Stunden gedauert. Es hat ĂŒbrigens zwölf weitere Stunden gedauert, bis nach dem Bombardement AufklĂ€rer vor Ort gewesen sind. Das ist das Ergebnis der Unterrichtung, die Sie uns heute in den AusschĂŒssen gegeben haben.“
12 Stunden also. Wenn der Befehl zum Bombardieren der Tanklaster im deutschen MilitĂ€rstĂŒtzpunkt vom deutschen Oberst Georg Klein wie berichtet am Freitag Morgen um 2.30 Uhr gegeben wurde, waren demnach spĂ€testens ab Freitag Mittag deutsche AufklĂ€rer am Ort des Geschehens.
Wie kann es dann sein, dass ein Trupp „Taliban“, also ein Trupp Bewaffneter, noch am Samstag morgen am selben Ort ĂŒber dreissig Stunden spĂ€ter einen amerikanischen Reporter entfĂŒhren?
Wie die „New York Times“ (1) berichtet, fuhren am Samstag dem 5.September morgens um 8.30 Uhr Ortszeit ihr Reporter Stephen Farrell, sein Dolmetscher Sultan Munadi, sowie ein afghanischer Fahrer von Kunduz aus zum Ort des Luftangriffs, nur 5 Kilometer Luftlinie vom Isaf-MilitĂ€rflughafen entfernt, nahe dem Dorf Omar Kheil (Omar Khel).
SpĂ€ter wird der Fahrer, dessen IdentitĂ€t die NYT nicht veröffentlicht, gegenĂŒber der Zeitung einen Bericht ĂŒber die Geschehnisse abgeben. Diesem Bericht zufolge warnte Dolmetscher Sultan Munadi bereits auf der Hinfahrt, dass es am Ort des Luftangriffes gefĂ€hrlich sein könnte. Er, Munadi, habe Freitag Nacht „einen Freund im Dorf“ angerufen. Dieser habe ihm berichtet, die Dorfbewohner seien sehr wĂŒtend ĂŒber die Angriffe.
Im Auto wurde darĂŒber diskutiert, was man im Falle eines Stopps durch Bewaffnete tun wĂŒrde.
Bei den Wracks der Tanklaster eingetroffen, interviewen Reporter Stephen Farrell und sein Dolmetscher Munadi eine Gruppe von drei bis vier umherstehende Anwohner. Schnell bildet sich eine Menschenmenge um sie, Anwohner treffen per Auto oder Motorrad ein, oder durchwaten den seichten Fluss um die ungewöhnlichen GÀste zu begutachten. Die Anwohner zeigen sich aber keineswegs feindselig, sondern lediglich neugierig und geben Farrell Interviews.
Ein Zeuge berichtet dem „New York Times“-Reporter, dass vor der Bombardierung der beiden Tanklaster (bei der laut Angaben eines Untersuchungsteams schĂ€tzungsweise 125 Menschen getötet worden waren) ĂŒber drei Stunden lang FlugzeuglĂ€rm zu hören war. WĂ€hrend dieser Zeuge sein Interview gibt, nĂ€hert sich ein alter Mann und rĂ€t Farrell sowie seinen Dolmetscher Munadi sich zu entfernen. In der NĂ€he sind auf einmal SchĂŒsse einer Kalaschnikow zu hören. Abermals rĂ€t der alte Mann zur Flucht.
In diesem Augenblick rufen zwei afghanische Jugendliche „Der Taliban kommt!“. Ăber den Fluss nĂ€hern sich im Laufschritt 10 Bewaffnete mit Kalaschnikows und Maschinengewehren der Menschenmenge um den NYT-Reporter.
Die Menschenmenge flieht in wilder Flucht. Der Fahrer berichtet spĂ€ter, er sei ĂŒber 20 Minuten durch hohes Gras und Reisfelder geflĂŒchtet, bei ihm die beiden afghanischen Jugendlichen welche die Warnrufe vor „den Taliban“ abgaben. Der Fahrer bekommt einen Anruf auf seinem Handy. Es ist der Dolmetscher Sultan Munadi. Er sagt dem afghanischen Fahrer, dass er und Farrell von den Bewaffneten festgehalten werden und verspricht dem Fahrer, dass – wenn er sich diesen ebenfalls ausliefern wĂŒrde – sie alle zusammen freikĂ€men.
Doch der Fahrer weigert sich. Er flĂŒchtet weiter. Einer der Jugendlichen droht ihm schliesslich, er wĂŒrde ihn an „die Taliban“ ausliefern, wenn er ihm nicht sein Geld und sein Handy gĂ€be. Der Fahrer gibt ihm sein Geld und sein Handy.
Danach schlÀgt er sich zu einer Strasse durch. Ein vorbeifahrenes Taxi nimmt ihn auf und bringt ihn zum Polizeihauptquartier in Kunduz. Gegen 11 Uhr am Samstag Vormittag alarmiert er Stephen Farrells Kollegen in Kabul.