79. Der Begriff der âsozialen Gerechtigkeitâ hilft zu erkennen, dass Ungerechtigkeit nicht nur aus falschen Entscheidungen einzelner Menschen entsteht, sondern auch aus Strukturen, Mechanismen sowie wirtschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten, die fast automatisch Ungleichheit hervorbringen. In diesem Sinne hat der heilige Johannes Paul II. von Strukturen der SĂŒnde gesprochen, [108] die dem Willen Gottes entgegenstehen und einen persönlichen und gesellschaftlichen Umkehrprozess erfordern. In dieser Hinsicht betrifft Gerechtigkeit nicht nur die gerechtere Verteilung von GĂŒtern oder die Korrektur bestehender Ungerechtigkeiten, sondern nimmt auch eine wiedergutmachende Dimension an. Sie zielt darauf ab, zerbrochene Bindungen wiederherzustellen und diejenigen wieder einzubeziehen, die ausgeschlossen wurden, unter BerĂŒcksichtigung der Wunden, welche Ungerechtigkeiten hinterlassen haben: Kriege, Kolonialismus, rassistische oder geschlechtsspezifische Diskriminierung, Gewalt gegen ganze Völker, Ausbeutung. Dies kann bedeuten, denjenigen, die ignoriert wurden, WĂŒrde und Stimme zurĂŒckzugeben, Wege zur Heilung des kollektiven GedĂ€chtnisses zu fördern, diskriminierenden Gesetzen und Praktiken entgegenzuwirken und konkret diejenigen zu unterstĂŒtzen, die noch heute die Folgen von in der Vergangenheit erlittenem Unrecht tragen.
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178. In unseren Tagen zeigt der Kolonialismus ein neues Gesicht. Er beherrscht nicht mehr nur Körper, sondern eignet sich Daten an und verwandelt das persönliche Leben in verwertbare Informationen. Ganze Gebiete, insbesondere jene mit geringerer geopolitischer Bedeutung und gröĂerer struktureller AnfĂ€lligkeit, werden derzeit von einer neuen Logik der Ausbeutung durchzogen: Gesundheitsdaten, epidemiologische Profile, genetische Karten und demografische Daten. Dies sind die neuen âSeltenen Erdenâ der Macht: lebenswichtige Informationen, die, sobald sie miteinander verknĂŒpft sind, dazu genutzt werden können, Vorhersagemodelle zu trainieren, Investitionsstrategien zu lenken, Krisen vorauszusehen und vor allem auszuwĂ€hlen, wer und was zĂ€hlt. Wer ĂŒber die Gesundheitsdaten ganzer Bevölkerungen verfĂŒgt â heute oft unter dem Deckmantel von Forschungsinnovation oder Entwicklungshilfe erhoben â, besitzt in Wirklichkeit einen strukturellen Hebel fĂŒr die Zukunft: Er kann die BedĂŒrfnisse und die MĂ€rkte gestalten. Und er kann vor anderen entscheiden, wem Medikamente, Investitionen und SchutzmaĂnahmen zugeteilt werden. Hierin liegt eine der dringlichsten moralischen Herausforderungen unserer Zeit: gemeinsames Wissen in ein Gemeingut zu verwandeln, statt es als Beherrschungsinstrument zu nutzen. Das bedeutet, den Menschen nicht nur die Daten zurĂŒckzugeben, die sie beschreiben, sondern auch die Möglichkeit, zu entscheiden, wie diese genutzt werden, von wem und fĂŒr wen. Andernfalls wird das digitale Zeitalter nicht postkolonial sein, sondern in einer anderen Form kolonial.
179. Die neuen Formen der Sklaverei leben von Wirtschaftsketten und digitalen Infrastrukturen. Daher ist es notwendig, in mehrere Richtungen zu arbeiten. Erstens mĂŒssen Lieferketten, die die Technologiebranche und die digitale Wirtschaft stĂŒtzen, transparenter werden, damit kein Wettbewerbsvorteil auf unsichtbarer Ausbeutung aufbaut. Zweitens mĂŒssen Unternehmen und Investoren klare Kriterien fĂŒr eine prĂ€ventive ethische ĂberprĂŒfung (due diligence) festlegen und dabei den Schutz der Arbeitnehmer, die BekĂ€mpfung von Zwangsarbeit sowie die sozialen Auswirkungen datengesteuerter GeschĂ€ftsmodelle zu ihren PrioritĂ€ten zĂ€hlen. DarĂŒber hinaus mĂŒssen digitale Plattformen verantwortungsbewusst mit Behörden und der Zivilgesellschaft zusammenarbeiten, um zu verhindern, dass Programme fĂŒr Kommunikation, Zahlung und Profiling zu KanĂ€len fĂŒr die Anwerbung und Kontrolle von Opfern werden. Wenn diese MaĂnahmen zusammenwirken, dann kann das digitale Umfeld von einem Raum der Ausbeutung in einen Raum des Schutzes, der PrĂ€vention und der Förderung der WĂŒrde verwandelt werden.