(Vossische Zeitung Nr. 576 vom 10. 11. 1918)
»Der Tag der Revolution ist gekommen. Wir haben den Frieden erzwungen. Der Friede ist in diesem Augenblick geschlossen. Das Alte ist nicht mehr. Die Herrschaft der Hohenzollern, die in diesem SchloĂ jahrhundertelang gewohnt haben, ist vorĂŒber. In dieser Stunde proklamieren wir die freie sozialistische Republik Deutschland. Wir grĂŒĂen unsere russischen BrĂŒder, die vor vier Tagen schmĂ€hlich davongejagt worden sind.« Liebknecht wies dann auf das Hauptportal des Schlosses und rief mit erhobener Stimme: »Durch dieses Tor wird die neue sozialistische Freiheit der Arbeiter und Soldaten einziehen. Wir wollen an der Stelle, wo die Kaiserstandarte wehte, die rote Fahne der freien Republik Deutschland hissen!«
Die Soldaten der SchloĂwache, die auf dem Dach sichtbar waren, schwenkten die Helme und grĂŒĂten zur Menge herab, die auf das Tor zudrĂ€ngte. Es wurde langsam geöffnet, um dem Automobil Liebknechts EinlaĂ zu gewĂ€hren. Die Menge wurde davon zurĂŒckgehalten, zu folgen. Nach einigen Minuten erschienen, von der Menge stĂŒrmisch begrĂŒĂt, die Soldaten der SchloĂwache ohne Waffen und GepĂ€ck. Kurze Zeit darauf zeigte sich Liebknecht mit Gefolgschaft auf dem Balkon, von dessen Grau sich eine breite rote Decke abhob.
»Parteigenossen«, begann Liebknecht, »der Tag der Freiheit ist angebrochen. Nie wieder wird ein Hohenzoller diesen Platz betreten. Vor 70 Jahren stand hier am selben Ort Friedrich Wilhelm IV. und muĂte vor dem Zug der auf den Barrikaden Berlins fĂŒr die Sache der Freiheit Gefallenen, vor den fĂŒnfzig blutĂŒberströmten Leichnamen seine MĂŒtze abnehmen. Ein anderer Zug bewegt sich heute hier vorĂŒber. Es sind die Geister der Millionen, die fĂŒr die heilige Sache des Proletariats ihr Leben gelassen haben. Mit zerspaltenem SchĂ€del, in Blut gebadet wanken diese Opfer der Gewaltherrschaft vorĂŒber, und ihnen folgen die Geister von Millionen von Frauen und Kindern, die fĂŒr die Sache des Proletariats in Kummer und Elend verkommen sind. Und Abermillionen von Blutopfern dieses Weltkrieges ziehen ihnen nach. Heute steht eine unĂŒbersehbare Menge begeisterter Proletarier an demselben Ort, um der neuen Freiheit zu huldigen. Parteigenossen, ich proklamiere die freie sozialistische Republik Deutschland, die alle StĂ€mme umfassen soll, in der es keine Knechte mehr geben wird, in der jeder ehrliche Arbeiter den ehrlichen Lohn seiner Arbeit finden wird. Die Herrschaft des Kapitalismus, der Europa in ein Leichenfeld verwandelt hat, ist gebrochen. Wir rufen unsere russischen BrĂŒder zurĂŒck. Sie haben bei ihrem Abschied zu uns gesagt: >Habt Ihr in einem Monat nicht das erreicht, was wir erreicht haben, so wenden wir uns von Euch ab.< Und nun hat es kaum vier Tage gedauert.« »Wenn auch das Alte niedergerissen ist«, fuhr Liebknecht fort, »dĂŒrfen wir doch nicht glauben, daĂ unsere Aufgabe getan sei. Wir mĂŒssen alle KrĂ€fte anspannen, um die Regierung der Arbeiter und Soldaten aufzubauen und eine neue staatliche Ordnung des Proletariats zu schaffen, eine Ordnung des Friedens, des GlĂŒcks und der Freiheit unserer deutschen BrĂŒder und unserer BrĂŒder in der ganzen Welt. Wir reichen ihnen die HĂ€nde und rufen sie zur Vollendung der Weltrevolution auf. Wer von euch die freie sozialistische Republik Deutschland und die Weltrevolution erfĂŒllt sehen will, erhebe seine Hand zum Schwur (alle HĂ€nde erheben sich und Rufe ertönen: Hoch die Republik!). Nachdem der Beifall verrauscht war, ruft ein neben Liebknecht stehender Soldat und schwenkt die rote Fahne, die er in den HĂ€nden trĂ€gt: »Hoch lebe ihr erster PrĂ€sident Liebknecht!« Liebknecht schloĂ: »Soweit sind wir noch nicht. Ob PrĂ€sident oder nicht, wir mĂŒssen alle zusammenstehen, um das Ideal der Republik zu verwirklichen. Hoch die Freiheit und das GlĂŒck und der Frieden!«
Bald darauf wurde an dem Mast der Kaiserstandarte die rote Fahne gehiĂt.
Vossische Zeitung Nr. 576 vom 10. 11. 1918
(Anm.d.Red. Nachrichtenagentur Radio Utopie: unter Bruch des Dogmas der hundertprozentig authentischen Wiedergabe der verlinkten Quellen wurde ein verheerender Rechtschreibfehler in der Ăberschrift korrigiert.)