19.04.2012 - 01:49 [ Ossietzky ]

Wolfgang Schreyer – Das Zins-Dilemma

Einer der Kernfehler der Finanzordnung, die Huber aufdeckt, ist das Zinswesen.

Dessen Grundübel ist der Zinseszins: das krebsartige Wachstum eines Vermögens, das permanent neu angelegt wird. Da werfen etwa 10.000 Euro, verliehen zu sechs Prozent, jährlich bloß 600 Euro ab; in 50 Jahren immerhin 30.000, falls man die Zinsen verzehrt. Werden die aber reinvestiert, läßt also jemand sein Geld so profitabel weiterarbeiten, türmt sich am Ende ein Berg von 144.200 Euro auf! Welche Wirtschaft käme da noch mit? Die echte Wertschöpfung wächst, wenn überhaupt, nur linear, niemals exponentiell.
Staunend las ich im Werk eines weiteren Fachmanns (Bernd Senf: »Der Nebel um das Geld«, Kiel 2009) das Beispiel vom »Josephs-Pfennig«; eine Horrorstory. Hätte nämlich der biblische Joseph zu Christi Geburt nur einen einzigen Pfennig zu fünf Prozent Zinsen angelegt, und wäre das Geld bis 1990 gültig geblieben, so würde daraus ein Anspruch entstanden sein, der dem Wert von 134 Milliarden Goldkugeln entspricht, jede vom Gewicht unserer Erde. Wie absurd! Da liegt ein Scheitern des Spiels auf der Hand, wurzelnd im System. Und wirklich, es kollabiert ja auch regelrecht nach Großkrisen oder Kriegen immer wieder und muß dann per Währungsschnitt neu gestartet werden. Die einzige Chance, das Spiel zu stoppen, liegt in dem Versuch, die Regeln zu ändern und den irren Wildwuchs des Geldes durch Zins plus Zinseszins zu beenden.