Ein weiteres Betätigungsfeld ehemaliger Roter Frontkämpfer waren Erwerbsloseninitiativen. Partei und Bund hatten bereits 1927 sporadisch Erwerbslosen-Agitationen betrieben. Besonders zu Weihnachten stellte die Polizei fest, dass „augenblicklich stark agitiert“ würde, es herrsche u.a. Unzufriedenheit darüber, dass „die gezahlte Weihnachtsbeihilfe ungenügend gewesen“ sei. Am 27. März 1928 wurde ein erster „Erwerbslosentag“ begangen. Nach Demonstrationen im Januar 1929 wurde am 3. März eine Bezirkserwerbslosenkonferenz im Valentinskamp 42 abgehalten. Die vier Tage später erfolgte Hungerdemonstration der Erwerbslosen blieb aber für rund neun Monate die letzte Aktion dieser Art.
Im Zuge der Weltwirtschaftskrise 1929 und mit dem Anstieg der Arbeitslosigkeit wuchs auch die politische Bedeutung der Erwerbslosen. Im Dezember bekamen die „Hungermärsche“ zusammen mit den Winterhilfs-Aktionen der Roten Hilfe eine neue Qualität – zumal ihr Beginn um die Weihnachtszeit platziert wurde. Neben Berlin und Frankfurt meldete auch Wandsbek am 20. Dezember „Massenaufmärsche gegen den Hunger“. Am Heiligen Abend folgten erneut Berlin sowie Köln, und am 28. des Monats hieß es in der Hamburger Volkszeitung (HVZ) gar: „Im ganzen Reich Hungerdemonstrationen“.
Bereits am 13. Februar 1930 wurde die Gründung einer Erwerbslosenwehr in Charlottenburg gemeldet (HVZ vom 13. Februar, S. 2), und am 20. des gleichen Monats wurden Aktionen der Polizei gegen die Erwerbslosendemonstrationen nicht nur als Provokation gegen diese, sondern gleichzeitig gegen die USSR bezeichnet (HVZ vom 20. Februar) – der Zusammenhang zum 12. Jahrestag der Roten Armee ist unübersehbar.
Nachdem Frühjahr und Sommer von der Erwerbslosenproblematik – zumindest in propagandistischer Hinsicht – relativ frei gewesen waren, kam kurz vor einem weiteren „Erwerbslosentag“ am 10. September die Thematik – in Verbindung mit den Wahlarbeiten – erneut in die Schlagzeilen. „Nicht weniger als 5 Stunden lang marschierten“ laut HVZ die „nichtendenwollenden Reihen der hungernden Kolonnen“ unter „der Fahne der RGO“, die sich der Problematik besonders angenommen hatte.
„Aus den einzelnen Stadtteilen kommend, durchzogen die Erwerbslosen die Viertel der Mietskasernen und vereinigten sich auf dem Lübecker-Tor-Feld. Über eine halbe Stunde währte es, ehe die letzten Demonstranten den Platz verlassen konnten. Über St. Georg gelangte man nach Hammerbrook, einem typischen Reichsbannerviertel. An den Balkonen hängen SPD-Transparente, denen die der Liste 4 etwas schwächer entgegenstehen. Im Sprechchor, mit den Fingern auf die verlogenen Versprechungen, die auf den SPD-Transparenten verkündet werden, zeigend, ertönt aus dem Munde der Marschierenden:
‚Wer hat uns verraten?
Die Sozialdemokraten!
Wer macht uns frei?
Die Kommunistische Partei!‘