22.12.2017 - 10:11 [ Rubikon ]

Kollektivschuld – der unverstandene Schatten

Niemand würde ernsthaft behaupten, ein Neugeborenes sei persönlich für die Verbrechen der Nazis verantwortlich. Ebenso wenig sind Normaldeutsche für Goethes „Faust“ oder den Gewinn der Fußball-WM zu rühmen. Das Denken in Kollektiven – eigentlich ein Ladenhüter der Geistesgeschichte – wirkt aber in vielerlei Form in uns weiter, zumindest unbewusst. Davon betroffen sind zum Beispiel auch das Verhältnis zwischen Mann und Frau und religiöse Konzepte wie das der Erbsünde. Die Kollektivschuldthese raubt Menschen viel von ihrem Selbstvertrauen und entzieht ihnen unterschwellig Energie. Umso erstaunlicher, dass die eifrigsten Verfechter dieser These oft Angehörige der „Täterkollektive“ sind. Sie wollen sich durch Vorwürfe gegen „alle“ selbst von einer Schuld befreien, die sie niemals hätten tragen müssen. Fühlen wir mit den Opfern und übernehmen wir Verantwortung für die Zukunft. Aber verscheuchen wir einen lähmenden Schatten, aus dem nichts Konstruktives und Heilsames erwachsen kann.