Gentrifizierung, die rasante Aufwertung ganzer Stadtteile und die Vertreibung derer, die dort vorher gelebt haben. Erst kommen die Hausbesetzer und Künstler und dann das Kapital. Eben war es noch ein maroder Problembezirk und plötzlich gilt er als „hip“ und urban. Ganz toll: Die Clubs, Theater, kleine Läden…Lebensentwürfe, so lebendig, so intensiv, das mußt Du gesehen haben! Hey, da will ich auch hin! Da muß ich hin. Was kostet das? Und bei dieser Frage ist es vorbei mit der Idylle. Urplötzlich krempelt sich der ganze Stadtteil um. Was sich bis dahin durch Kreativität, Phantasie und Gemeinsinn auszeichnete, wandelt sich in Gier und Besitzstandsstreben. Wut macht sich breit. Es wird lamentiert und geflucht. Viele ziehen einfach weg oder werden geräumt. Unter den fadenscheinigsten Begründungen. Raus! Alle raus, rufen sie alle. Die Eingeborenen zu den Hipstern, die Hausbesetzer zu den Touristen und die neuen Hausbesitzer schlussendlich zu allen, die nicht freiwillig fliehen. Unübersichtliche Fronten, verhärtet wie freigeschossene (..?) wie frisch gegossener Beton. (..)
Es gibt da jetzt das neue Gespenst der „Noblifizierung“. Das ist jetzt also in Prenzlberg aufgetaucht. Das heißt, daß das alles umgewandelt wird in Nobelviertel und (von denen die) Bürgerlichen in den städtischen Ballungsräumen von den Sorgen der Gentrifizierung nur träumen. Die Leute mit Geld, die sich hier so viele Jahre schon heimisch gefühlt haben, müssen nun um ihre Heimat fürchten. Denn nun kommen die Leute mit sehr viel Geld! In Abrenzung zur Gentrifizierung, die nach „Gentry“, dem englischen Wort für Bürgertum benannt ist, versteht man unter „Noblifizierung“ die Übernahme gentrifizierter Stadtteile durch den Geldadel, abgeleitet vom englischen Wort „Nobility“.
Betroffener: „Früher habe ich hier meinen Milchkaffee für 4 € und hausgemachte Plätzchen für 2 € das Stück verkauft, erzählt Michael T., Betreiber der „Genießer-Bar“, eines gemütlichen Cafés in der Lychener Straße. Das Ladenlokal ist witzig eingerichtet, weil T. Teile der Inneneinrichtung vom Vormieter des Geschäfts, einem Kurzwarenladen, dort belassen hatte. Aber mit diesen Preisen kann ich mein Geschäft nicht mehr halten. Gegenüber in der Bar verkaufen sie „Barrista“-Kaffee für 7 € die Tasse. Da sitzen dann auch die Leute herum, die sich hier nicht blicken lassen würden. Tatsächlich ist die Stimmung auf der anderen Seite der Straße eine ganz andere. Während in der „Genießer-Bar“ zahlreiche Kinder zwischen ihren nichtarbeitenden Müttern herumlaufen, steht im Eingangsbereich des „Being-Royal“ ein Poller, auf dem weithin erkennbar ein Kinderwagenverbotsschild befestigt ist. Innen dominiert abwaschbare Sachlichkeit für tausend € den Quadratmeter. „Wir wollen hier keine Kinder“, erklärt Zacharias T.K., Betreiber der „Barrista-Bar“. „Aber das hat rein sicherheitsrelevante Zwecke. Die Kinder können sich hier verletzen“, erklärt der kongeniale Kaffee-Connoisseur mit einem unschlüssig zwischen diabolisch- und juristisch changierendem Grinsen, das offen läßt, ob sich die Kinder in den vergoldeten Kaffeeröstmaschinen aus handgedengeltem, brasilianischen Edelkupfer oder an den Händen der Betreiber verletzen könnten. Zur Preispolitik äußert sich Zacharias nur ungern. “Sicher kostet es hier ein wenig mehr, als in einem x-beliebigen Mamas&Papas-Milchcafé. Dafür sind unsere Bohnen alle per Hand geerntet und werden in einem umgebauten Spezialflugzeug geröstet, wobei der Röstvorgang nur Minuten vor dem Landeanflug in Berlin beendet ist. Diese konsequente Frische hat ihren Preis.”
Sven und Lydia Herzog kann die Entwicklung ihres alten Stadtteils nicht gefallen. “Wir sind vor mehr als zehn Jahren aus Schwenningen hierher gezogen”, berichtet sie. “Es ist schlimm, daß wir jetzt so gnadenlos an den Rand gedrängt werden.” Damit meinen sie Pankow, wohin immer mehr ehemalige Bewohner des Prenzlauerbergs ausweichen müssen. “Überhaupt scheint es keine Sicherheiten mehr zu geben, für diese armen, reichen Menschen hier.”
“Uns gehört sogar unsere Wohnung”, sagt Carina Preisendorf/Schütze, “aber die irrsinnigen Mietpreise kann sich kein normaler Geschäftsmann mehr leisten. Darum schließen unsere Bio-Supermärkte und die kleinen Einrichtungsläden mit den ökologischen Stoffen. Wenn man rasch mal einen Bio-Mango-Lassie aus dem Supermarkt holen will, müssen wir eine halbe Weltreise machen. Und wir normalen Bürger können es uns nicht leisten, jeden Tag bei “Kaviar-Krüger” unsere Lebensmittel zu kaufen. Kugelschreiber und Papier gibt es nur noch im “Mont-Blanc-Flaggschiff-Store” vorn an der Ecke. Und wenn ich mal Socken brauche, muß ich doch gleich zu “Gucci” gehen. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis wir auch noch nach Zehlendorf ausweichen müssen. Oder in den Wedding, wenn wir da überhaupt noch was finden.”
“Es ist schlimm”, bestätigt auch Ansgar Heide, “Viele von uns leben seit fast zwanzig Jahren hier. Die Nachbarschaft ist richtig organisch gewachsen. Viele kannten sich noch länger. Meine halbe Grundschulklasse aus Rheine hat (hier im Herzen des Kiezes) gewohnt. Wir haben zusammen Boule gespielt und mit pfälzischen Weinhändlern zusammengehockt. Wenn ich im Biomarkt einmal meinen Geldbeutel vergessen hatte, dann kannte mich der Händler und ich habe eben beim nächsten Mal gezahlt. Alles war kein Problem. Aber die Spanier, Italiener und Saudis, die jetzt hierher ziehen, interessieren sich einfach (nicht) für so eine gewachsene Kultur.”
Ja, und da seht ihr, wie schnell es gehen kann. Jetzt haben die ein Problem. Das Problem, das wir vorher hatten. Was machen wir?