09.12.2017 - 10:19 [ Nachdenkseiten ]

„Die meisten Menschen haben auch früher nicht begriffen, was es heißt, unter der Bombe zu leben“

„Mehr und mehr aber glaube ich, dass die meisten Menschen auch früher nicht wirklich begriffen haben, was es heißt, unter der Bombe zu leben. Es mag etwas anders ausgesehen haben, 1958, als Adenauer Atomwaffen für Deutschland wollte, oder Anfang der 1980er, als sich auf deutschem Boden Pershing 2 und SS-22 gegenüberstanden. Doch in beiden Fällen verebbte der Protest schnell wieder, hatte insofern viel mit der konkreten Situation vor Ort zu tun, weniger mit der abstrahierten globalen und permanenten Bedrohung durch Atomwaffen. Abstrahiert dahingehend, dass wir die US-amerikanischen und russischen U-Boote und Raketensilos damals nicht sahen und heute nicht sehen, die Tag und Nacht unter Wasser und unterirdisch auf ihren Einsatzbefehl warten. Sie sind immer da, haben insofern keinen Nachrichtenwert, wir haben uns an sie gewöhnt. Schlimmer noch, uns allen wurde in Elternhaus, Schule und Gesellschaft beigebracht oder durch Nichtansprechen unbewusst vermittelt, dass eine Welt voller apokalyptischer Waffen irgendwie der Normalzustand sei, der dem wölfischen Wesen des Menschen nun mal am ehesten entspreche. Darum sehe ich keinen Bruch zwischen früher aktiver und heute passiver Zivilgesellschaft, sondern eher eine Kontinuität von kleiner, engagierter Friedensbewegung und großer, langfristig wenig handlungsbereiter Masse.“