Im Zeitalter des trotz aller Verheerungen ideologisch noch immer hegemonialen Neoliberalismus, dessen Kern ein sozialdarwinistischer Freiheitsbegriff ist, stilisiert sich Gauck als Mitglied einer Minderheit, die der Freiheitsfreunde. Deren wie seine »tiefe Überzeugung« sei, »daß die Freiheit das Allerwichtigste im Zusammenleben ist«. Dem stellt er als angebliche Haltung der Mehrheit den »virtuelle[n] Artikel 1« einer geheimen Verfassung gegenüber, der laute: »Die Besitzstandswahrung ist unantastbar.«
Da werden auch Nicht-Gläubige in sein Wohlwollen einbezogen. Das gilt selbst für Umweltaktivisten, die er ansonsten mit Begriffen wie »Hysterie« und »Angstsucht« in Verbindung bringt. Was Gauck nicht leiden kann, ist Miesmacherei oder was er dafür hält: So geht er seine Fans auf den Oppositionsbänken hart an, wenn er über Defätismus klagt und in diesem Zusammenhang »einigen Grünen und sozialdemokratischen Christen« ihre »unendlich groß[e]« Großmut vorhält, die sie dazu veranlasse, »daß sie fortwährend alle Schuld der Welt« einräumten. Auch empfiehlt er, mehr über »Zukunftsgestaltung« nachzudenken als darüber »welche Fehler und Verbrechen wir oder unsere Vorfahren in der Vergangenheit begangen haben«. Das hört sich nach »Schlußstrich unter die NS-Vergangenheit« an.