Erstaunlich war in diesem Zusammenhang nicht nur, was der Literatur alles aufgelastet wurde: Mitunter hatte man das Gefühl, Literatur müsse gewissermaßen als der letzte Hort des politisch-sozialen Widerstands fungieren. Erstaunlich ist auch, wie wenig darüber nachgedacht wurde, für wen, für welche sozialen Gruppen Literatur überhaupt noch so etwas wie Relevanz entfalten kann. Denn seien wir ehrlich: Die Zeiten, in denen der Literatur so etwas wie eine gesamtgesellschaftliche Relevanz zukam, sind vorbei, wenn es diese Zeiten denn je gegeben hat. Die hochdifferenzierte literarische Kommunikation erfolgt heute fast ausschließlich innerhalb von stilistisch und ideologisch weitgehend autonomen Milieus, ja sie erfolgt mitunter in sehr begrenzten sozialen Netzwerken, realen wie virtuellen. Entsprechend differenziert sind die Leistungen, die Literatur innerhalb dieser unterschiedlichen Milieus und Netzwerke erbringen kann; und entsprechend differenziert sind die Formen, die sie dafür ausbildet.
In der Debatte spielte diese soziale und mediale Differenzierung der Literatur jedoch keine Rolle. Der ›hochkulturelle‹ Literaturbetrieb, der dort diskutierte, war im Wesentlichen darum bemüht, den Eindruck zu erwecken, er vertrete das Ganze der gegenwärtigen Literatur. Auch diese Haltung ist letztlich symptomatisch: Weder die hochkulturelle Literatur noch der sie beobachtende Literaturjournalismus haben die soziale Ausdifferenzierung, die Ökonomisierung und die Marginalisierung ihres Gegenstands bisher wirklich verkraftet. Geschweige denn, dass diese Kränkungen in das eigene Selbstverständnis integriert wurden. Anders gesagt: Eine Debatte, die tatsächlich immer noch nach der gesamtgesellschaftlichen Relevanz von Literatur sucht, wird stets nur aus einer längst überholten Verteidigungshaltung heraus argumentieren können. Übersehen wird sie dabei dasjenige, was sich jenseits ihrer eigenen sozialen Blase an durchaus relevanter literarischer Produktion ereignet, vollzieht.