Wie kann ein Begriff zwei konträre Bedeutungen haben? Offensichtlich gibt es eine dritte Bedeutung, welche die ersten beiden einschließt. Die Etymologie des Begriffes gibt Aufschluss. „Sanktion“ kommt vom Lateinischen „sancire“, was soviel heißt wie „heiligen“, aber auch „festsetzen“ und „bestätigen“. Sanktionen haben also etwas mit der Rechtfertigung, Begründung und Bestätigung von Normen zu tun, sei es durch Missbilligung und Strafe oder Billigung und Belohnung. So kann der Begriff „Sanktion“ oberflächlich zwei widersprüchliche Bedeutungen haben, weil er eine tiefere Bedeutung besitzt, die auf die normative Basis verweist, die durch das Sanktionieren aktiviert und bestärkt wird.(…)
Die gegenwärtige Politik des Westens gegenüber Russland hat nicht mehr viel mit Sanktionen zu tun. Sie entwickelt sich immer stärker zu einer klassischen Kanonenbootdiplomatie, bei der Wladimir Putin zu einer „kooperativeren Haltung“ gezwungen werden soll. Dabei ist weitgehend unklar, worin die Forderungen bestehen und ob Russland überhaupt in der Lage ist, sie zu erfüllen. Damit ist die auf Prinzipien und Normen gerichtete Sanktionspolitik des Westens einer an kurzfristigen Interessen orientierten Zwangsdiplomatie gewichen, deren Ausgang mehr als ungewiss ist.(…)
Wirtschaftssanktionen sind unsinnig, wenn sie als Zwangsmittel eingesetzt werden. Denn erstens sind sie erfolglos und zweitens unterminieren sie ihre eigentliche Bestimmung: das internationale Recht zu stärken.