(2009) In seiner Arbeit von 1959 zur Entwicklung von „improved interrogation techniques“, welche die entsprechenden psychologischen Forschungen der 50er Jahre zusammenfasste, stellte Albert Biderman fest, psychische Folter sei „der ideale Weg, einen Gefangenen zu brechen“, da sich „Isolation auf die Hirnfunktion des Gefangenen ebenso auswirkt, als wenn man ihn schlägt, hungern lässt oder ihm den Schlaf entzieht“ Bidermann (1959, s.a. 1960). Entsprechende Arbeiten von Biderman wurden auch für die Ausbildung von Verhörspezialisten („an in-depth class on Biderman’s Principles“) in Guantánamo herangezogen (New York Times, 2. Juli 2008). Um den Willen eines Menschen zu brechen, genügt es, ihn aller sozialen Kontakte zu berauben, ihn zu desorientieren, seine biologischen Rhythmen zu stören und ihn unter massiven Stress zu setzen. Kombiniert man die dazu nötigen sehr elementaren Verfahren, wie Desorientierung, Schlafentzug, sensorische Deprivation oder Techniken der Erniedrigung, in geeigneter Weise, so kann man eine rasche Regression auf eine infantile Stufe und den Zerfall seiner psychischen Integrität bewirken, wodurch sein Wille gebrochen wird. In dem 1963 erschienen und 1997 durch den Freedo of Information Act bekannt gewordenen autoritativen
CIA-Verhörhandbuch mit dem Namen KUBARK, in dem der Ertrag langjähriger und intensiver psychologischer Forschungen für die Verhörpraxis zusammengestellt wurde, wurde Bidermans Arbeit als grundlegend empfohlen. (…)
Aufbauend auf dem KUBARK-Manual wurden nach 2001 die psychologischen Forschungsanstrengungen für die Entwicklung ‚optimaler‘ Verhörtechniken wieder verstärkt. Eine Verhörtechnik wird dabei als optimal angesehen, wenn ihre Komponenten von der Öffentlichkeit nicht als Folter im engeren Sinne angesehen werden und wenn sie geeignet ist, auch den Willen der stärksten Persönlichkeiten zu brechen. Auf diesem Wege gelangte man zu erheblichen ‚Verfeinerungen‘ der ‚optimalen‘ Kombination verschiedener Techniken, wobei besonders der Bereich sexueller und kultureller Erniedrigungen ein breites Spektrum ‚kreativer‘ Neuentwicklungen ermöglichte. In den Guantánamo-Protokollen tauchen diese ‚kreativen Methoden‘ dann auf unter Bezeichnungen wie Pride and
Ego down, Fear Up Harsh, Futility oder Invasion of Space by a Female. Was sich dahinter verbirgt, lässt sich den akribisch geführten Verhörprotokollen des Gefangenen Mohamed al-Kahtani (dem bis auf kleinste Schlafintervalle für 50 Tage der Schlaf entzogen wurde) entnehmen. Unter dem Modul Pride and Ego Down finden sich so ,innovative Verhörtechniken‘ wie „forced urination on self, forced nakedness, sexual humiliation, religious humiDurch die Art dieser Techniken wird noch einmal deutlich, was in fast allen Situationen systematischer staatlicher Folterausübung erkennbar ist: Hinter der Rechtfertigungsrhetorik, vorgeblich Informationen beschaffen zu wollen, zielt die Folter auf die Disziplinierung, Demütigung und Erniedrigung bestimmter – zumeist ethnisch definierter – Gruppen (s. z.B. Rejali, 2007; Lazreg, 2008), deren soziale oder kulturelle Identität sie zu zerstören sucht.