„Die Frankfurter Leitsätze der CDU tragen die demokratisch-sozialistische Handschrift eines durch die Erfahrung des faschistischen Terrors radikalisierten Sozialkatholizismus. Bei der Gründung der Bundesrepublik war noch bis in die Reihen bürgerlich-liberaler Kräfte gegenwärtig, dass die kapitalistische Großbourgeoisie samt ihres kleinbürgerlichen Anhangs wesentlicher Träger des NS-Regimes gewesen war und folglich ihre soziale Herrschaftsposition gebrochen werden müsse. Das Ahlener Programm der CDU von 1947 beginnt mit der Feststellung: „Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden,“ um im Folgenden die Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien und der Großbanken zu fordern.[6] Diese Forderungen der CDU von 1947 enthielten die Vorstellungen des christlichen Sozialismus nur noch in abgeschwächter Form, würden aber aus Sicht heutiger CDU-Politiker sich bereits im Bereich der Verfassungsfeindlichkeit bewegen“.[7]
„Die Sowjetunion hatte aber ebenso wenig Interesse an einer eigenständigen agierenden Arbeiterbewegung wie die Westalliierten. In stiller Eintracht wurden die nach 1945 gebildeten Antifaschistischen Komitees von allen Besatzungsmächten aufgelöst. Der beginnende Kalte Krieg schuf die Grundlagen, die gesamtdeutsch orientierten sozialistischen Kräfte zurückzudrängen“.
„Nun mag es 1972 nicht opportun gewesen sein, die Kontakte des Bundespräsidenten zur linkssozialistischen Opposition zu thematisieren. Heute braucht man keine derartigen Rücksichten zu nehmen, zumal über den Agartz-Prozeß eine zweibändige, allerdings ebenfalls auch kaum noch erwähnte Studie vorliegt, die ein grelles Licht auf die „demokratischen“ Praktiken der 1950er Jahre gegen Oppositionelle wirft.[14] Diether Posser, der Agartz zusammen mit Heinemann vertrat, hat in diesem Zusammenhang von einer Art Bürgerkriegsjustiz gesprochen“.
„Dieser blinde Fleck der zeitgeschichtlichen Forschung korrespondiert mit einer oberflächlichen Verwendung des Begriffs der Liberalisierung, der zwar für einzelne soziale Teilbereiche, keinesfalls jedoch für die westdeutsche Gesellschaft in toto in Anschlag gebracht werden kann. Erhellend ist hier die aktuelle Debatte um die Entschädigung der in den 1950er und 1960er Jahren misshandelten Heimkinder, deren Schicksal bis in die letzten Jahre von offizieller wie von wissenschaftlicher Seite weitgehend ignoriert worden ist, obwohl seit den späten 1960er Jahren – erinnert sei hier an die einschlägige Reportage von Ulrike Meinhof sowie an die Heimkampagne der APO – das Problem bekannt gewesen und in den 1970er Jahren Gegenstand umfangreicher pädagogischer Reformbemühungen gewesen ist“.
„Der kalte Geheimdienstkrieg auf deutschem Boden, über dessen rechtstaatlichen Charakter man sich vermutlich wenig Illusionen machen darf, ist bisher ebenfalls nicht aufgearbeitet worden. Die Diskussion über die Arbeit der Stasi-Unterlagen-Behörde wirft ein Schlaglicht auf den Unwillen, die Westaktivitäten der Staatssicherheit einer breiten Untersuchung zu unterziehen“.
„Die FDJ, die sich 1950 an die Spitze der Proteste gegen die Wiederbewaffnung gesetzt und deswegen erheblichen Zulauf aus der Jugend hatte, wurde bereits 1951 verboten“.
Die Konzeption eines demokratisch-sozialistischen, außenpolitisch neutralen Deutschland ist 1946/47 unter dem polarisierenden Druck des Kalten Krieges auseinandergefallen“.
„Das Interesse der maßgeblichen bürgerlichen Kreise der USA und Großbritanniens, eine sozialistische Transformation in Westeuropa zu verhindern, hatte zwingend ein Bündnis mit den ehemaligen NS-Eliten sowie ihren bürgerlichen Mitläufern zur Voraussetzung“.
„Dass sich die Bundesrepublik als das erfolgreichere bzw. siegreiche Modell erwiesen hat, sollte nicht über ihre Strukturdefizite hinwegtäuschen; denn es waren nicht etwa die kaum den faschistischen Stiefeln entschlüpften bürgerlichen Eliten, welche die demokratische Entwicklung verbürgten“.